Sommernachtsträume
Drucken E-Mail

alt

vom 24.06.2013

alt
Nicht nur die Kostüme waren bei Kirsten Zeisers Theaterinszenierung „Sommernachtsträume“ sehenswert: Die Schauspieler beeindruckten allesamt.
Foto: photoagenten/Balzarin

Gefühlstolles Durcheinander

Von Ulrike Schäfer

THEATER IM MUSEUMSHOF Kirsten Zeiser inszeniert ihre „Sommernachtsträume“ nach der Shakespeare-Vorlage

Während die Zuschauer vor der Premiere im Museumshof noch angeregt plaudern, tut sich etwas auf der Spielfläche: Offensichtlich wird ein Fest vorbereitet, Organisatoren und Handwerker sind zugange, ein Podium wird aufgebaut, der Bürgermeister (Jörg Traser) testet am Rednerpult schon mal die Technik aus, ein Trüppchen Jugendlicher probt unter dem strengen Kommando einer Sächsin (Carolin Eickert) das Treuegelöbnis für die Jugendweihe. DDR, 1989.

Doch auch wenn das Lied „Schön ist es, auf der Welt zu sein“ aus dem Lautsprecher schallt: Es gibt eine Menge Probleme. Der Bürgermeister stellt Hippolyta (Anniki Stahl) nach, die ihn nicht ausstehen kann, aber in eine Verlobung einwilligt, weil ihr Vater Fluchthelfer ist, und Hermia (Franziska Hendrich) soll den bodenständigen Demetrius (Julian Römer) heiraten, obwohl sie den schöngeistigen Lysander (Andreas Hartmann) liebt. Während Hippolyta sich, wenn auch grimmig, zum Bleiben entschließt, denkt das Liebespaar an Flucht. Das deckt sich mit der allgemeinen Sehnsucht der DDR-Bürger nach Freiheit in allen Lebensbereichen. „I am Sailing“, träumt die Rockerjugend. „Einfach abheben und von oben auf alles scheißen.“

Wald aus echten Bäumen

Mit dieser Szene schafft Kirsten Zeiser für ihre achte Theaterproduktion im Museumshof einen aktuellen Rahmen. Aus Shakespeares „Sommernachtstraum“ wird Zeisers „Sommernachtsträume“. So einfallsreich diese Neuerung auch ist: Richtig Fahrt nimmt das Stück erst auf, als sich der Wald – mit echten Bäumchen – auftut und von allen Seiten leichtfüßige Elfen und Trolle in fantasievollen Kostümen herbei huschen, tanzen, lästern und feixen. Oberons und Titanias Hofstaat ist ein wahrer Augen- und Ohrenschmaus. Das Herrscherpaar (Matthias Matheis und Young-Ji Kwon), wunderbar geschminkt und kostümiert, hätte besser nicht agieren können, und seine elfenhafte Entourage, Puck (Simon Grünewald) sowie die beiden Trolle (Lena Würzburger und Leonie Gellert) überbieten sich geradezu in Beweglichkeit und koboldhaftem Übermut.

Weil Oberon Titania für ehelichen Ungehorsam bestrafen will, kommt eine Zauberblume zum Einsatz, so dass in dieser Mittsommernacht die Liebe recht eigentümliche Wege geht. Titania verliert ihr Herz an den als Esel verkleideten Zettel. Lysander will nichts mehr von Hermia wissen, sondern verliebt sich heftig in Helena (Tawsha Farmer). Die wird nun aber auch von Demetrius begehrt, der sie bis dahin verschmäht hat. Am Morgen ist der Spuk vorüber, und keiner weiß, ob das alles nur ein Traum war oder vielleicht doch Wirklichkeit. Aufgestöbert von Vopos, Eltern (Petra Brandes und Achim Schlosser) und dem Bürgermeister, kehren die Paare freiwillig in die Heimat zurück, der sie sich trotz aller Einschränkungen tief verbunden fühlen.

Kunstvoll verwoben in diese bewegte Handlung ist das Stück „Pyramus und Thisbe“, das die DDR-Handwerker anlässlich der Verlobung aufführen wollen, weil sie sich davon eine Tournee in den Westen erhoffen. Diese burleske Einlage, die schon Shakespeares Publikum zum Lachen gebracht haben dürfte, sorgte nun auch im Museumshof für Heiterkeit. Die Schauspieler holten mit unglaublicher Spielfreude alles aus sich heraus, einer besser als der andere. Star der Truppe, nicht nur bei Shakespeare, war Christian Hammer als Zettel, der alle Nuancen der Komik beherrscht. Putziger Nachwuchs mit ähnlichen Qualitäten: Valentin Schulz.

Nach zweieinhalb Stunden ging das federleichte Spektakel zu Ende, die Schauspieler, Musiker und vielen Helfer rund um das Geschehen, vor allem aber Regisseurin Kirsten Zeiser, die erneut einen sehenswerten Beitrag zum Wormser Kulturleben geleistet hat, ernteten einen begeisterten Applaus.

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 25. Juni 2013 um 09:46 Uhr
 
Drucken E-Mail

alt

vom 14.05.2013

alt
Probe mit Demetrius (Julian Römer): links von ihm seine ihn anbetende Helena (Tawsha Farmer), rechts sein Konkurrent Lysander (Andreas Hartmann) und die Eltern der ihm versprochenen Hermia.
Foto: Zeiser

„Sommernachtsträume“ aus der DDR

Von Ulrike Schäfer

OPEN-AIR-THEATER Truppe von Kirsten Zeiser probt Shakespeare-Stück / Premiere am 22. Juni im Innenhof des Andreasstifts

An Shakespeare hat sich Theaterpädagogin Kirsten Zeiser schon einmal mit großem Erfolg versucht, und den „Sommernachtstraum“ hatte sie schon lange im Kopf. Jetzt ist die Zeit reif. Aber wie immer, wenn sie ein Thema anpackt, spielt sie mit dem Original, setzt eigene Akzente, arbeitet besondere Aspekte heraus, und so werden aus dem Sommernachtstraum „Sommernachtsträume“, und das Stück ist nicht im Athen der Antike angesiedelt, sondern in der DDR vor der Wiedervereinigung.

Zauberwald mit Elfen

Die Idee dazu kam der kreativen Regisseurin, als sie sich mit dem Motto des Kultursommers „Eurovisionen“ beschäftigte. Das geteilte Land, vor fast 25 Jahren noch Wirklichkeit, die Unterdrückung der Bürger, die Fluchtversuche vieler Menschen, das alles inspirierte sie, Shakespeares heitere Verwechslungskomödie in die unmittelbare Neuzeit zu verlegen. „Wenn man mit Jugendlichen arbeitet, hat man ja eigentlich auch die Verpflichtung, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen“, findet sie.

Wie immer hat sie mit ihren Schauspielern – viele von Anfang an dabei, aber auch elf neue – gemeinsam an der Idee gearbeitet, sich erzählen lassen von ehemaligen DDR-Bürgern, wie das damals war, auf dem Land, in der Stadt. Und so beginnen die Zeiserschen „Sommernachtsträume“ in einem Dorf kurz vor der Feier der Jugendweihe. Theseus ist kein Herzog, sondern Bürgermeister, „eine fiese Socke“, der Hippolyta mit den in der DDR gängigen Druckmitteln zur Hochzeit zwingen will. „Aber“, sagt Kirsten Zeiser kämpferisch, „ich werde ihr ein Gewehr in die Hand geben“. Keine Lust, sich kirre machen zu lassen, haben auch Hermia (Franziska Hendrich) und Lysander (Andreas Hartmann); sie beschließen, über die Grenze in die Freiheit zu fliehen. Im Wald, der wie bei Shakespeare ein Zauberwald ist und von kichernden und neckenden Elfen und Kobolden bevölkert wird, treffen sie mit Helena (Tawsha Farmer) und Demetrius (Julian Römer) zusammen...

Probe im Gemeindehaus der Magnusgemeinde: Kirsten Zeiser hat nur die beiden Pärchen einbestellt, um ihre Rollen mit ihnen durchzugehen. „Vielleicht sind wir bei diesem Stück zum letzten Mal dabei,“ erzählt Franziska, ehe es losgeht, ein wenig wehmütig. „Tawsha hat gerade Abi gemacht, und ich bin in der letzten Klasse.“ „Das Theaterspielen über all die Jahre hat den Charakter schon sehr geprägt“, zieht Tawsha, die schon bei der ersten Aufführung 2006 im Museumshof dabei war, Bilanz. „Es hat immer viel Spaß gemacht, ein Stück zu erarbeiten, und wenn wir’s dann gepackt hatten, das war einfach toll.“ Für sie war es ein besonderes Erlebnis, dass sie dieses Hobby gemeinsam mit ihrem „Dad“, Gerry Farmer, pflegen konnte. „Jetzt macht auch mein kleiner Bruder mit“, freut sie sich.

Wenig später, bei der Arbeit mit dem Text, werden sie andere. Bewegen sich fast wie Profis, setzen jeden Vorschlag, jeden Hinweis Kirsten Zeisers um, probieren diese und jene Bewegung, um zu sehen, was besser kommt, fallen auch mal aus der Rolle, weil manches doch gar zu komisch ist, sind aber sofort wieder präsent, wenn’s weiter gehen soll. Vor allen Dingen gelingt es ihnen, sobald sie in den Zauberwald eintauchen, mühelos vom Gegenwarts-Deutsch in die lyrische Sprache Shakespeares zu wechseln und ihr dabei alles Verstaubte zu nehmen. Wird ihnen die Flucht gelingen, oder werden sie beim großen Fest doch Zettels Theaterstück lauschen?

Zuletzt aktualisiert am Dienstag, den 14. Mai 2013 um 07:51 Uhr
 


 

folgt uns auf Facebook

 

Wir werden
unterstützt durch:


Das Museum der Stadt Worms
 im Andreasstift

 


Verband Deutscher
Freilichtbühnen e.V.


 


Stadt Worms